5 Der Unterschied von Kunst und Design: Zur Rolle von Funktionen und externen Faktoren
Im Rückblick auf den in Kunstartefakten zur Anwendung kommenden Funktionsbegriff lassen sich neben pragmatischen, insbesondere solche Funktionen ausmachen, die den Wert der Artefakte unmittelbar prägen. Für die Herausstellung eines Unterscheidungsmerkmals im Rahmen der Funktionsbereiche von Kunst und Design wird es nun relevant, nach der Rolle zu fragen, die Funktionen bei Design- und Kunstartefakten spielen.
Blicken wir hierfür zunächst auf verschiedene Designbereiche: Kommunikationsdesigner entwerfen beispielsweise Werbeplakate, über die sie unterschiedlichste Informationen und Botschaften vermitteln. Diese Botschaften könnten bei Werbekampagnen für Autohersteller darin bestehen, dem Betrachter die Ansicht vermitteln zu wollen, dass eine bestimmte Automarke besonders sicher, günstig oder exklusiv sei. Das Designartefakt, in unserem Fall das Plakat, besitzt also ebenso die Funktion, die gedanklichen, informationenverarbeitenden Fähigkeiten des Menschen in einer ganz bestimmten Hinsicht anzusprechen, wie ein mögliches Kunstartefakt. Allerdings richtet sich die Funktionsgebung des Designers nicht an seinen Ansichten und Interessen alleine aus. Vielmehr muss dieser die inhärenten Funktionen seines Designs an den Bedürfnissen und den Funktionssetzungen Dritter festmachen, das sind in erster Linie seine Auftraggeber, aber auch potentielle Autokäufer. Nach den Interessen Dritter muss er sich deshalb richten, weil er möchte, dass sein Design seinen finalen Zweck erfüllt. Zunächst muss er hierfür die Zustimmung seiner Auftraggeber gewinnen, denn nur, wenn das Design mittels dieser realisiert wird, wird es seinen finalen Zweck erfüllen können. Zunächst also muss das Design vermuten lassen, dass es die an es herangetragenen Funktionserwartungen der Auftraggeber erfüllt, wobei sich erst feststellen lassen wird, ob es dies auch wirklich tut, wenn das Design potentielle Autokäufer wirklich zum Kauf anregt, es also auch deren Ansprüche befriedigen wird.
Das Gleiche gilt für den Bereich des Produktdesigns. Auch Produktdesigner müssen im Gestalten neuer Artefakte darauf achten, was die Bedürfnisse der potentiellen »End-User« und im speziellen der »Stakeholder« ihres Designs sind, die maßgeblich für die finale Produktion eines Designgegenstandes verantwortlich gemacht werden können. So richten auch Produktdesigner Funktionen von Designgegenständen nicht an ihren eigenen, sondern in erster Linie an den Interessen Dritter aus. Auch ein Designerstuhl beispielsweise, dem die Funktion zugeschrieben sein kann, den »User« emotiv anzusprechen, insofern er als komfortabel und bequem empfunden werden soll, wird diese ihm inhärente Funktion nur unter Beweis stellen können, wenn der Stuhl überhaupt produziert wird und es zum Verkauf an tatsächliche »End-User« kommt, wobei unterstellt werden muss, dass es nicht zur Realisierung und nicht zum Verkauf käme, wenn die dem Produkt einbeschriebenen Funktionen nicht auch die Erwartungen der Stakeholder und Endverbraucher zumindest ansatzweise ausfüllen würden.
Hinsichtlich der Funktionen, die im Falle des Designs an externen Faktoren ausgerichtet werden, lässt sich nun ein grundlegender Unterschied zur Kunst feststellen. Die Funktionen nämlich, die Kunstwerke erfüllen, stellen zugleich deren finale Zwecksetzung dar. Dieses Phänomen ist im Prinzip der Autonomie der Kunst, verstanden als Eigengesetzgebung, begründet. Selbstverständlich hängen auch Kunstwerke mit externen Faktoren zusammen, so müssen Künstler ihre Kunstgegenstände auch verkaufen, was sie von einem Käufermarkt und dessen Vorlieben abhängig macht. Aber die Vorlieben potentieller Käufer sind für die Realisierung eines Kunstwerks durch den Künstler irrelevant.[12] Die dem Wert eines Kunstwerks zugeschriebenen Funktionen richten sich also unmittelbar nur an den Ansichten und Interessen des Künstlers aus. Sie können ihre Funktionen deshalb durch sich selbst »erfüllen«. Während man bei Designartefakten, ob ihrer »extern bedingten Realisierungszwänge« relativ klar feststellen kann, ob ein Design seinen Zweck erfüllt oder nicht und es sich deshalb um gelungenes oder verfehltes Design handelt, ist dies bei Kunstwerken für Rezipienten kaum möglich und auch nicht gewünscht. So werden Kunstwerke tagtäglich auf unterschiedlichste Art interpretiert und vor allem anders als von Künstlern gedacht, und dies wird ihnen nicht als Defizit ausgelegt. Damit soll nicht gesagt sein, dass die Intention eines Künstlers für eine profunde Kunstkritik irrelevant sei, aber doch, dass es in der Rezeption von Kunst hinsichtlich der mit den Funktionen verbundenen Erfüllungserwartungen erhebliche Unterschiede zum Design gibt.
Als Resümee darf festgestellt werden, dass sich Kunst und Design hinsichtlich ihrer Funktionalität gar nicht so sehr voneinander differenzieren, aber mit Blick auf die Rolle externer Faktoren und deren Einflussnahme auf den Funktionsgehalt von Designartefakten ein wichtiger Unterschied besteht. In diesem Zusammenhang übernehmen Funktionen bei Kunstartefakten die Rolle finaler Zwecksetzungen, während sie bei Designartefakten in gewisser Hinsicht als mittelbare Funktionen bezeichnet werden müssen, da sie zudem der Funktion dienen, externe Erwartungen zu erfüllen.
Abschließend möchte ich noch auf etwas hinweisen, was ich an dieser Stelle nicht weiter ausführen kann, da es den Rahmen dieses Essays sprengen würde: Würde man die Wahrnehmung von Kunst und Design als ästhetisch bedeutsame Artefakte vernachlässigen, und sich gezielt auf die Funktionsbereiche von Kunst und Design fokussieren, ist zu vermuten, dass sich noch weitere Differenzierungsansätze nachweisen ließen. Aus philosophischer Perspektive ist hierbei vor allem die ethische Dimension der Artefakte von Bedeutung.